Der kleine Jesus

Mai 16, 2025

Er lebte auffällig unauffällig, bis er zu predigen begann und sogar seine Familie glaubte, er sei verrückt: Jesus von Nazareth. Wer war der Mann, warum polarisierte er, und wie konnte aus seiner Wandersekte eine Weltreligion werden? Meine zweite Biografie.

Was schreibst du, ein Buch über Jesus? Stirnrunzeln war die häufigste Reaktion. Fragende Augen. Nur ein Wissenschaftler sah es so wie ich: „Toll, so eine Chance bekommt man nur einmal.“ Jesus von Nazareth ist einfach historisch interessant. Aber man hätte es auch für eine Mission Impossible halten können: Relativ wenig Zeit, keine Theologie- und Bibelkenntnisse. Eine Unmenge an Büchern und Artikeln. Wo beginnen? 

Ich nahm die Mission an, weil ich wusste, der Stoff ist gut und würde in die Reihe „Große Männer klein erzählt“ im Molden-Verlag bei Styria passen, wo ich schon eine Biografie über Clemens Metternich veröffentlicht hatte. Auch die Routine beim Verarbeiten großer Textmengen als Historiker erleichterte die Aufgabe. Trotzdem sitzt du eines Tages mit einem Stapel Bücher in der Bibliothek und fragst dich, ob du jetzt nicht lieber ein Bier in einem Gastgarten bestellen solltest.

Der historische Jesus: im Konjunktiv durch Jerusalem

Also Jesus. Der Mensch, nicht der Mythos – obwohl das eine schwer vom anderen zu trennen ist. Und wer sich auf die Spuren des historischen Jesus heftet, jagt in Wahrheit ein Phantom. Niemand weiß wie er aussah, ob er Kinder hatte, ob er sympathisch war, manchmal aufbrausend, oder ein Besserwisser. Er hinterließ keine Schriften. Der echte Jesus reitet für immer im Konjunktiv durch Jerusalem – und doch hat es die Leben-Jesu-Forschung geschafft, ein mögliches Bild von ihm zu zeichnen. 

Ein intelligenter, tiefgläubiger Mann. Mutig, charismatisch. Ein Menschenfreund, der wollte, dass die Ausgestoßenen nicht länger buckeln, sondern aufrecht gehen. Sein Auftritt in der Öffentlichkeit war kurz, sehr kurz. Mit etwa 30 begann er zu predigen, nachdem er wahrscheinlich als Bauhandwerker gearbeitet hatte. Ein bis zwei Jahre später wurde er schon gekreuzigt. Und doch bietet sein Leben alles, was eine überdimensionale Biografie braucht: Einen tiefgreifenden, persönlichen Wandel. Eine Lebenswirklichkeit, die  eine Veränderung bewirkt. Größe, die sich dadurch ergibt, dass das Reale, das für uns die Wirklichkeit in der Welt ausmacht, zu einem Symbol für das Ganze wird.

Leben des „Messias“ als Heldenreise

Nach der christlichen Umdeutung seines Scheiterns in einen Sieg über den Tod, entspricht sein Leben der klassischen Heldenreise: Außenseiter vom Land verlässt sein Zuhause und entwickelt sich weiter, lässt sich taufen, folgt einem Prediger und wird dessen Schüler – bis er ein Erweckungserlebnis hat. Nun beginnt er selbst zu predigen, während sein Mentor geköpft wird. Er überwindet Hindernisse und gründet seinen eigenen Heilsladen. Gründerstory: Der Teufel ist besiegt und jetzt gibt’s Heil für alle im „Reich Gottes“ – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, oder sozialem Status. Dann gerät er ins Visier der Mächtigen und wird getötet, weil er in deren Augen die politische Ordnung stört, beziehungsweise feiert als Auferstandener das größte Comeback aller Zeiten. Der Schlusspunkt der Heldenreise, die Rückkehr, soll laut Christentum noch folgen. 

Exorzist, Heiler, Lehrer, Rabbi, Provokateur, Grenzgänger, Impulsgeber, Hoffnungsträger. Jesus war ein endzeitlicher Prophet, der zu den Juden sprach. Ein Revoluzzer der Herzen. Am Ende kostete ihn seine Lebensidee das Leben. War er deshalb  ein weltfremder Idiot, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche meinte? Da ist auch viel Mut, Respektlosigkeit, aber auch Feingespür für politische Verhältnisse und Sinn für Symbolik.

Sein Leben wirft viele Fragen auf: Wollte er überhaupt als Messias gelten? Solche Erwartungen wurden von außen an Charismatiker herangetragen, die von sich und ihrem Auftritt – natürlich – felsenfest überzeugt waren. Es gab auch andere Messiasse, andere Heiler und Exorzisten und andere radikale Sekten, die das Judentum neu interpretierten. Was machte ihn besonders, und was hat er uns heute noch zu sagen?