Die Wiener Unterwelt

Mai 16, 2025

Neuer Auftrag: Ein TV-Treatment schreiben. Darin enthalten: Der Inhalt einer Sendung, die Storyline, aber auch mit wem das Team später drehen soll, also wer die Protagonisten sein sollen.

Auftraggeber: Die TV-Produktionsfirma Holy Screen. Ziel: drei Folgen für ein junges TV-Format, das Geschichte greifbar macht und Bezüge zum Heute herstellt. Viel Recherche, überlegen, Skizzen machen, Bücher ausleihen und mit Leuten reden. Vom Aufwand her schwer kalkulierbar, dafür aber ein lohnendes Unterfangen. Oder wussten Sie, dass es noch Nachfahren von Benno Blum gibt, die in Israel leben?

Folge 1: Wild-West-Zeit

Seine Bande kontrollierte nach dem Zweiten Weltkrieg den Zigarettenschmuggel in Wien, mit freundlicher Genehmigung Russlands, einer der vier Besatzungsmächte, die das Land kontrollierten. Als Gegenleistung kidnappten Blums Männer in ihren schwarzen Chevrolets Feinde Moskaus in den westlichen Besatzungszonen.

Insgesamt gerieten während des Besatzungsjahrzehnts von 1945 bis 1955 mehr als 2200 Österreicherinnen und Österreicher aus verschiedenen Gründen in die Mühlen des sowjetischen Repressionsapparats. 150 wurden zum Tod verurteilt, über Tausend deportiert. Viele Verschleppte waren auch Opfer von Verwechslungen oder Denunziationen.

In dieser Wild-West-Zeit bildeten Gangster kriminelle Strukturen, die durch Korruption und Gewalt ihren Einfluss ausbauten, sofern sie sich mit den richtigen Leuten zu arrangieren wussten. Sie profitierten dabei von der mangelnden Durchsetzungskraft der Behörden und der allgemeinen Unsicherheit.

Das Vertrauen der Bürger zu den Machthabern musste erst wieder aufgebaut werden, die Erfahrungen der Faschismus-Jahre waren noch negativ in Erinnerung. Blum stirbt am 2. April 1950, durchsiebt von den Kugeln eines amerikanischen Gegenspionage-Teams in einem Gemeindebau in Wien Ottakring. Wenige Wochen zuvor war der Film „Der Dritte Mann“ im Kino angelaufen, und Blum wohl ein Vorbild für Graham Greens berühmtes Buch.

Folge 2: Krieg der Strizzis

In den Sechzigerjahren entwickelte sich unter Ganoven, die noch eine Ehre im Leib hatten, und beim Volk fast angesehene Größen waren, mit Spitznamen und schillerndem Ruf, ein regelrechter Kampf um Wien. Im Zentrum: Das illegale Glücksspiel „Stoß“, mit dem bis in die Siebzigerjahre so gut wie jeder Unterweltkönig einen Teil seines Einkommens verdiente. Ebenfalls Teil des Portfolios: Zuhälterei. Da machte sich auch eine Frau, Wanda Kuchwalek, einen zweifelhaften Namen.

Schritt für Schritt entmachtete Karl „Klaus“ Mzik den alten Doyen der Unterwelt, Josef Pecha, indem er neue Methoden aufzog, um das Stoßspiel unter seine Kontrolle zu bringen: Er legte sich eine bewaffnete Leibgarde zu – sogenannte „Bugln“ – und begann, die Stadt in Stoßbezirke einzuteilen, die er nach und nach eroberte, um dort Lokale zu schließen oder ab sofort Tribut einzuheben. Wer sich weigerte, wurde gefügig gemacht.

Damit setzte ein blutiger Krieg um die Aufteilung des Kuchens ein – mit beispielloser Brutalität. Vorbei die alte Zeit der ehrenwerten Strizzis, viel besungen im Wienerlied. Vor dem Krieg hatten Schützen, die gleich zur Pistole griffen, keine Chance und wurden bei der Polizei denunziert. Nun aber trägt jeder zur Goldkette einen Revolver. Nun geht es darum, möglichst rasch viel Geld zu machen.

Nach der Vertreibung von Mzik bekriegen sich seine ehemaligen Adjutanten Josef Angerler, der „Gschwinde“, und Josef Krista, auch „Notwehr-Krista“ genannt, weil er vor Gericht so oft mit dem Argument Notwehr davonkam, mit Heinz Karrer, einem Deutschen. Eines haben aber alle Gangster-Karrieren von damals gemeinsam: Nach einem Leben voller Abenteuer wartete ein gewaltsamer Tod oder ein Leben auf dem Abstellgleis als gebrochene Person.

Folge 3: Ganoven im Nadelstreif

Der dritte Teil der Doku erzählt, wie aus den wilden Bossen geschniegelte Geschäftsleute wurden, die sich an der Schnittstelle zu Politik und Blaulicht eine goldene Nase verdienten. Kein Ruhmesblatt für Österreich. Wie sang schon die EAV? A klane Korruption: Des schlimmste, was dir da passiert, ist die Frühpension! Nun kamen Drogen ins Spiel, Menschenschmuggel und Wirtschaftsbetrug. Die Globalisierung hielt Einzug und mit ihr internationale Banden. Das ging so schnell, dass die Polizei davon regelrecht überrumpelt wurde.

Lange tonangebend: Heinz Bachheimer, genannt „roter Heinzi“, wegen seiner roten Haare. Der gelernte Anstreicher schaffte es, die rivalisierenden Gruppen der Gürtel- und der Prater-Partie zusammenzubringen. Schmuggel, Hehlerei, sowie Kunstdiebstahl und -handel kamen zum „üblichen“ Geschäftsfeld der Prostitution und des illegalen Glücksspiels dazu. Bachheimer dachte kaufmännisch und gründete ein straff geführtes, zeitweise sehr erfolgreiches Unternehmen.

Die Gangster von Wien schießen nicht mehr wild herum: Sie sitzen mit einflussreichen Leuten in der Pratersauna, um Geschäfte anzubahnen. Politik und Polizei werden zum Teil Verbündete. Und der Heinzi schmeißt Partys, umgibt sich mit Adel, Ministergattinnen und Rotlichtgrößen. Auch in der Medienbranche ist er bestens vernetzt.

Am 2. April 1971 geht ORF-Mann Teddy Podgorski, nachdem er als Co-Moderator in „Aktenzeichen XY ungelöst” vorgelesen hat, dass Interpol nach Bachheimer fahndet, noch auf einen Absacker in die Loos-Bar. Dort lehnt der Rote Heinzi an der Bar und sagt: „Servas Tedddy! I hab g’hört, du suchst mi.”

Drehbeginn 2025

Neben Historikerinnen, Zeitzeugen, Anwälten, Journalisten und Unterweltverstehern, kommt im dritten Teil auch eine Sexarbeiterin zu Wort, die heute mit damals vergleicht, um auch diesen Aspekt zu beleuchten. Die Gender-Balance zu wahren und ausreichend Frauen einzubauen, wie vom ORF gewünscht, war bei diesem Projekt natürlich nicht so einfach. Die Zusammenarbeit mit Holy Screen war toll und spannend. Drehbeginn für die Doku ist 2025. Und wenn sie einmal fertig ist: Sehen Sie sich das an!